Bern — 3 May 2008

Elvira Hufschmid - directions

Elvira Hufschmid: Rede ans Volk, 2007
Elvira Hufschmid: Rede ans Volk, 2007

Video-Still

Wer kommt schon auf die Idee, sich an einer Autobahn zu positionieren und die Autos an sich vorbeirauschen zu lassen? Oder vielmehr, eine Rede an sie zu halten? Oder sich sogar auf die Fahrbahn zu begeben und einmal mit den Autos, einmal gegen sie anzurennen? Rhetorische Fragen im Fall von Elvira Hufschmid, denn genau das sind Dinge, die sie in ihrer Kunst inszeniert. Auftritte, die zwar nur zum Teil gefährlich – wenigsten die Rednerin steht auf einer Tribüne - aber mit Sicherheit sehr physisch sind: Besagte Rednerin schreit und gestikuliert und kämpft und scheint doch nicht anzukommen gegen den Lärm und den Sog der Autos. Die andere Frau rennt; scheint zu flüchten, um dann immer wieder zurückzukehren.

"Directions" – Richtungen – nennt Elvira Hufschmid ihre Ausstellung mit Videoarbeiten aus den Jahren 2002 bis 2007. Die anfangs beschriebenen Werke zeigen, worum es geht, denn in beiden setzten sich die Frauen einem System aus, in das die Richtung eingeschrieben ist: der Autobahn. Sie ist Symbol eines temporären Durchgang und einer Gerichtetheit, der man sich unterordnen muss. Ohne Unterlass brausen die Fahrzeuge vorbei, die Insassen verlieren ihre Identität und nehmen die Dinge um sich herum nicht mehr wahr. Die Künstlerin ist fasziniert von solchen Bewegungen, sei es, dass sie von links nach rechts verlaufen, oder von unten nach oben. Häufig hat dieses richtungsweisende Element in ihren Arbeiten mit dem Gefühl der Vereinnahmung einerseits und der Anstrengung, der Verausgabung und der Überwindung andererseits zu tun, und immer ist auch der Betrachter ein Teil davon, soll sie physisch erleben, diese elementare Kraft, die unser Leben bestimmt.

Als Reise ist sie denn auch zu verstehen, diese Ausstellung, die uns Richtungen weist, aber auch zeigt, dass Kunst vieles möglich machen kann, was dem normalen Lauf der Welt zu widersprechen scheint. Steter Tropfen höhlt normalerweise den Stein, aber nicht, wenn er gen oben fliesst, und eine nach unten fallende Frucht, aufgefangen von weiblichen Händen, kann Symbol sein für die Sicherheit, die ein Kind im Schoss der Mutter verspürt, ausser man hört auf den Knall im Hintergrund, und vielleicht ist es auch kein Zufall, dass die Rednerin mit dem Finger genau in dem Moment auf den Mund deutet, wenn ein Lieferwagen mit Lebensmitteln vorbeifährt. Kunst arbeitet mit Bewegungen, gibt Richtungen vor, durchbricht sie aber auch gleich wieder und überlässt es schliesslich dem Besucher, die gewünschte Bahn zu gehen oder sie auch wieder zu verlassen. In der Tat: Kunst kann richtungsweisend sein – und für Elvira Hufschmids gilt dies im wahrsten Sinne des Wortes.

Elvira Hufschmid, 1962 im Südschwarzwald/D geboren, ist Diplombildhauerin und Videokünstlerin. Sie studierte an der Hochschule der Bildenden Künste Saar und am San Francisco Art Institute, wo sie 2002 mit dem Master of Fine Arts New Genres abschloss. Danach freischaffend und in der Lehre tätig, u.a. an der Hochschule der Bildenden Künste Saar und an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Derzeit ist sie Gastprofessorin für "Künstlerische Transformationsprozesse“ im Team mit der Gruppe >>Stille Post!<< an der Universität der Künste Berlin. Ausstellungen u.a.: 2003 San Francisco Arts Commission Gallery/USA, 2004 Stadtgalerie Saarbrücken/D, 2007 Galerie Faux Movement Metz/F, Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus/D und Teilnahme an Projekten für Kunst im öffentlichen Raum Berlin. Sie erhielt 1998 eine Studienförderung und 2003 ein Forschungsstipendium der Hans-Böckler Stiftung Düsseldorf/D für ihr Videokunstprojekt “Orte der Passage“. 2001 wurde ihr das Jack and Gertrude Murphy Fellowship der San Francisco Foundation und 2004 der Kunstförderpreis der Landeshauptstadt Saarbrücken verliehen. 2006 war sie mit dem Kunstprojekt >>Stille Post!<< Preisträgerin des Karl-Hofer-Preises der Universität der Künste Berlin. Elvira Hufschmid lebt und arbeitet in Berlin.

Galerie Madonna#Fust

Rathausgasse 14
3011 Bern
Phone: 
+41 31 311 28 18
Exhibition
9 May 2008 - 28 June 2008
Opening Hours: 
Mi/Fr 12.30 - 18 Uhr, Do 12.30 - 20 Uhr, Sa 11 - 16 Uhr