Berlin - 23 September 2008 - 23 October 2008

Ilya & Emilia Kabakov

Emilia and Ilya Kabakov: The White Cube, 2005
Emilia and Ilya Kabakov: The White Cube, 2005

Watercolour and pencil, 40,5 x 29,5 cm, 15.94 x 11.61 inch

Click on image to enlarge.

Outside "The White Cube".
Einige Bemerkungen über Raum, Inszenierung und Fiktion in den Installationen von Emilia und Ilya Kabakov.

In den ausgehenden 80er Jahren hat der russische Künstler Ilya Kabakov (geb. 1933) eine spezielle Form der Installation entwickelt: die "totale" Installation. Aus dem Kreis der Moskauer Konzeptualisten hervorgegangen, hat er hierfür seine grafischen und malerischen Arbeiten aus den 60er und 70er Jahren in den dreidimensionalen Raum übertragen. Seit den beginnenden 90er Jahren gestaltet er diese spezielle Installationsform im und ausserhalb des musealen Raumes auch gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Künstlerin Emilia Kabakov (geb. 1945). Das Besondere der "totalen" Installation, die Kabakov als einen "vollständig bearbeiteten Raum" definiert, liegt in der gezielten Inszenierung des Ausstellungsraums sowie ihrer Form einer begehbaren Bühne. Nicht selten treffen dabei die Besucher, die eine zentrale Rolle spielen, auf ausgeprägte narrative Strukturen.

In der Installation "The White Cube" (1993) beispielsweise nimmt ein weisser, gleichmässig gestalteter Kubus mit einer Kantenlänge von 2,80 Metern den Grossteil des Ausstellungsraumes ein, zu dessen Wänden er schräg steht. An keiner Stelle kann man in das Objekt hineinschauen, seine Oberfläche glänzt aufgrund der Emaillelackfarbe. Vor zwei sich gegenüberliegenden Wänden des Würfels steht jeweils eine Leiter. Der konkrete, funktionale Gegenstand der Leiter, aufgeklappt eine Dreiecksform darstellend, steht dem abstrakten Kubus mit seinen streng vertikalen und horizontalen Linien entgegen - objet trouvé versus minimalistischer Kubus? "The White Cube" inszeniert ein Spiel mit der Erwartungshaltung der Besucher. Bereits die Leiter vor dem Kubus wirft Fragen auf: Handelt es sich noch um die Montage der Installation, oder ist die Leiter bereits Teil des Werkes? Kann man die Leiter benutzen? Nachdem die Besucher die Leiter erklommen haben, bietet sich ihnen ein unerwartetes Bild. Die Arbeit birgt die für die "totalen" Installationen typischen Täuschungsmomente.

Über die dramaturgische Wirkung seiner Installationen äusserte Kabakov sich 1993 in einem Vortrag folgendermassen: In der "totalen" Installation "wird der Betrachter, der sich bis dahin in jeder Installation - wie vor einer Skulptur oder einem Bild - relativ frei fühlte, nun von der Installation gesteuert und in gewissem Sinn zu ihrem Opfer. Jedoch ist er Opfer und zugleich Täter, der einerseits die Installation betrachtet und bewertet und andererseits jenen Assoziationen, Gedanken und Erinnerungen nachhängt, die sich bei ihm in der intensiven Atmosphäre der Installation einstellen."

Narrative Strukturen, Momente der Täuschung und eine subversive Lesart des musealen Raumes, wie sie für die "totale" Installation wesentlich sind, finden wir beispielsweise auch in der komplexen Installation "Life and Creativity of Charles Rosenthal" (1999) von Emilia und Ilya Kabakov. Über fünf Räume hinweg erstreckt sich eine Retrospektive mit Zeichnungen und Gemälden des russischen Malers Charles Rosenthal, der anfänglich im Stile des Suprematismus malte. Die Künstlerfigur Charles Rosenthal, 1898 als Scholem Rosenthal "als achtes Kind einer armen jüdischen Familie in Cherson in der Ukraine geboren", ist jedoch frei erfunden. Die fingierte Biografie dieses Malers liest sich wie ein legendärer Lebenslauf eines noch nicht erkannten avantgardistischen Genies: "1918 beeinflussen Rosenthal die neuen Kunstströmungen und Ausdrucksformen, die mit der proletarischen Revolution aufgekommen sind, und fährt nach Witebsk. Dort wird er in der Kunstschule von Marc Chagall aufgenommen, deren Leitung später Kasimir Malewitsch übernimmt. Rosenthal lernt den Suprematismus kennen. Trotz seiner Begeisterung für die Theorie ist er nicht in allen Punkten damit einverstanden. Als sein Lehrer 1922 mit einer Gruppe treuer Schüler nach Petrograd übersiedelt, entscheidet sich Rosenthal [...] für Paris."

Emilia and Ilya Kabakov: The Flying #3, 2006
Emilia and Ilya Kabakov: The Flying #3, 2006

wool, 200 x 281 cm, 78.74 x 110.63 inch

Click on image to enlarge.

Im ersten Raum der Rosenthal-Retrospektive war ein Gemälde mit dem Titel "Whose Wings are these?" zu sehen. Auf der monumentalen überwiegend weissen Leinwand, die an beiden oberen Ecken mit einem grasgrünen, gleichmässig kolorierten Dreieck versehen ist, erkennt man bei genauerem Betrachten zwei sehr kleine Flügel, die in der Mitte links und rechts einer vertikalen, die Leinwand in zwei Hälften teilenden Linie platziert sind. Was sich im Kontext der Rosenthal-Installation als eine 1919 entstandene Arbeit im Übergangsstadium zwischen gegenstandsloser und figurativer Malerei darstellt, ist ein Gemälde Ilya Kabakovs aus dem Jahr 1999. Er knüpft darin an die bekannten Topoi des Fluges und des Verschwindens in seinen frühen Werken an. Eines der von Ilya Kabakov geschaffenen Alben (1972-75) beispielsweise handelt vom "Fliegenden Komarov": Komarov sieht im Morgengrauen von seinem Balkon aus Menschen in der Luft fliegen, teils einzeln oder in Gruppen, und schliesst sich letztendlich den Fliegenden an. Diese frühen Motive wurden in aktuellen Arbeiten unmittelbar aufgegriffen, mal ist ein fliegender Mann, mal eine Gruppe von Menschen dargestellt, die sich an den Tragflächen eines Flugzeugs festhalten oder auch eine Familie, die in der Luft schwebend Tee trinkt (vgl. die Wandteppiche "The Flying", 2005 und 2006).

Zum einen kann das Abheben in metaphysischer Hinsicht verstanden werden. Zum anderen ist das Thema des Fliegens auch vor der Folie der physischen Entfernung und der persönlichen Erinnerung an das sowjetische System eines Künstlers zu verstehen, der sich Ende der 80er Jahre im Westen niedergelassen hat.

Ein anderes Gemälde "Twelve Commentaries on Suprematism" (1926/1999), ebenfalls Teil der Rosenthal-Schau, zeigt auf einer monumentalen Leinwand eine grosse weisse Fläche. Nur in der linken oberen Ecke ist eine realistische Darstellung zweier junger Frauen in einem Bibliothekssaal zu erkennen. Dieses Bild im Bild wurde anschliessend mit drei kleinen pastellenen Farbstreifen am Rande übermalt. Das Gemälde Rosenthals ist in einem Malstil ausgeführt, der sich als eine Art figurativer Suprematismus beschreiben liesse. Spielerisch reflektiert Kabakov in der Rosenthal-Schau auch die Kunst der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts.

Hinsichtlich der sowjetischen Herkunft des Künstlerpaares sind die Gemälde Charles Rosenthals nicht zuletzt auch als retrospektiver Blick auf die Dichotomie zwischen russischer Avantgarde und staatlich verordnetem sozialistischen Realismus zu verstehen.

Text: Regine Rapp

This Text in:

Galerie Arndt & Partner

Zimmerstrasse 90-91
10117 Berlin
Phone: 
+49 30 280 81 23
Fax: 
+49 30 283 37 38
Exhibition
23 September 2008 - 23 October 2008
Online since 15 September 2008
Opening Hours: 
Tues-Sat 11 am - 6 pm