Berlin - 12 September 2008 - 18 October 2008
Eric Emery und Aurelio Kopainig - Spuren. Wachsen.
Das Substitut eröffnet die Herbstsaison mit einer Doppelausstellung von Eric Emery und Aurelio Kopainig.
Schmutzige Spuren überziehen die weissen Wände des Substituts. Die eine trägt den Titel "Il Tamburello", die andere "Turn Five". Formel 1-Kenner werden jetzt sofort wissen, worum es geht. "Il Tamburello" heisst die Kurve in der der Rennfahrer Ayrton Senna 1994 tödlich verunglückt ist, "Turn Five" die Stelle an der Jacques Villeneuve 2006 am Canadian Grand Prix einen Unfall hatte. Eric Emery liess die Spuren von einem Graffitikünstler nach Bildern aus dem Internet aufsprayen. Dabei geht er ganz direkt dem auf den Grunde, was Graffitis sind: Spuren im öffentlichen Raum. Street Art ist längst im Kunstraum angekommen, wo sie natürlich ihre eigentliche Bedeutung verliert. Emery adaptiert das Medium Graffiti - er fragt sich, was damit repräsentiert werden kann, ohne Street Art zu sein. Er überträgt ein zufällig entstandenes Wandbild in den Kunstraum. Natürlich ist es makaber, bei Unfallspuren von einer ästhetischen Qualität zu sprechen. Aber letztlich macht genau das die Faszination von Unfallstellen und besonders des Autorennsports aus. Die Opfer werden zu Helden, kaum einer denkt dabei an die Sinnlosigkeit solcher Tode. Ein Unfalltod gilt als geradezu urmännlich und wird hingenommen wie Schicksale von Bergsteigern oder Entdeckern.
Eric Emery zeigt im Substitut einen Baumstamm mit dem Titel "Facel Vega". Das ist die Marke des Autos, mit dem Albert Camus tödlich verunfallt ist - am Steuer sass der Neffe seines Verlegers. Mit metallisch-grauem Autolack besprüht, entstand eine Skulptur, die an Werke der Pop Art erinnert. Damit verbindet der Künstler den Tod mit dem schicken Konsumgut.
Unfallspuren begegnet man fast überall. Manche sind durch Kreuze und Blumen gekennzeichnet, andere sieht man in Bäume oder Wände eingeschrieben. Alle zeugen sie von einem Kontrollverlust von Menschen über die Technik und von der Hinnahme selbstgeschaffener Gefahren. Hierin liegt eine perverse Parallelität zum Kunstwerk, welche David Cronenberg in seinem Film "Crash" so abgründig dargestellt hat: die absolute (sexuelle) Erfüllung in der Verschmelzung mit der erschaffenen Technik und die bedingungslose Hingabe an diese.
Aurelio Kopainig, dieses Jahr mit einem Swiss Art Award ausgezeichnet, dokumentiert den Wunsch des Menschen, die Natur unter Kontrolle zu bringen. Im Substitut zeigt er Dias aus der Serie "Häuser & Bäume" an der er bereits seit 2001 arbeitet. Edle Vorgärten, wohlgeformte Hecken, skulpturale Zedern, arrangierte Blumenbeeten aus aller Welt zeugen von erstaunlichem Gestaltungswillen, hinterlassen aber ein trostloses, beklemmendes Gefühl. Modernes städtisches Leben heisst offenbar fast überall zurechtgestutzte und zurückgedrängte Natur. Am augenfälligsten wird das in den Bildern, die Kopainig während seines China-Aufenthalts geschossen hat.
Kopainig kultiviert die Natur aber auch selbst. In einer laborähnlichen Situation zieht er Pflänzchen in Nährlösung. Die Faszination der Versuchsanordnungen pendelt zwischen Freude am Experiment und Furcht am Kontrollverlust, der heute mehr denn je zur Bedrohung unserer Lebensgrundlage werden könnte.
In gezeichneten Animationsfilmen werden Pflanzen zu Akteuren; sie wachsen, wuchern, fliegen durch den Raum, kriechen über den Boden, regnen vom Himmel. Die Geschichtchen sind voller Witz und Freude an kleinen Dingen. Die gleiche Freude am spielerischen Experiment sieht man in Kopainigs Super8-Filmen. Über den Sommer hat der Künstler im Substitut einige neue gedreht. Geisterhaft füllen sich die Räume mit Leben. Die Filme erinnern an Experimentalfilme der Surrealisten und Dadaisten.
"Aurelio Kopainig versteht die Welt als Versuchsanordnung, um dem Wesen der Dinge näher zu kommen. Damit trifft er eine sensible Stelle unserer Befindlichkeit. Es ist die rührende und zugleich verheerende Komik unseres Bedürfnisses nach Überdeterminierung und Kontrollierbarkeit, gepaart mit dem grenzenlosen Staunen über das Eigenleben der Dinge und dem Wissen, den Kräften der Natur letztlich ausgeliefert zu sein" schreibt Ursula Badrutt Schoch in einem Text zu einer aktuellen Ausstellung in Herisau.
Kopainig und Emery thematisieren auf unterschiedliche Weise den Kontrollverlust, respektive die Ohnmacht gegenüber zivilisatorischen Errungenschaften. Sie wecken eine Lust am Spiel und warnen gleichzeitig vor den drohenden Gefahren. Beide erforschen die Grenzen der Kontrollierbarkeit von Natur und Technik; den Wunsch der Menschen, Herr über alles zu sein, aber gleichzeitig aus dem selbstgeschaffenen Rahmen ausbrechen zu können.

