Basel - 20 April 2008 - 8 June 2008
Ahmet Ögüt - Mutual Issues, Inventive Acts
Der Künstler Ahmet Ögüt (*1981, Diyarbakir, Türkei) wird in der Kunsthalle Basel seine erste grosse institutionelle Einzelausstellung unter dem Titel "Mutual Issues, Inventive Acts" präsentieren. In seinen Werken setzt sich Ahmet Ögüt mit sozialen Phänomenen auseinander und thematisiert mittels Zeichnung, Performance, Fotografie oder Video historische Prozesse und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft und Politik seiner Heimat. Die Wahl eines Mediums hängt für den Künstler massgeblich von der Idee ab und kann so von der intimeren Form einer Publikation zu öffentlichen Performances wechseln.
Für die Kunsthalle Basel hat Ahmet Ögüt ein spezielles Ausstellungsdisplay entwickelt, das aus verschiedenen Zonen besteht. Während der Fokus in der ersten Zone bei innovativen Handlungen einzelner Personen liegt und keiner spezifischen Farbe zugeordnet ist, orientieren sich die anderen drei Zonen an den Signalfarben Rot, Grün und Gelb. Die rote Zone thematisiert die Bedeutung von Gemeinschaft in der heutigen urbanen (europäischen) Gesellschaft. Der Umgang mit staatlicher Repräsentation von Macht und die Auseinandersetzung mit Geschichte sind hingegen die Anknüpfungspunkte der anderen Zonen.
"Mutual Issues, Inventive Acts", 2008 ist ein neues Projekt von Ahmet Ögüt, welches auf genauen Beobachtungen des Alltags in Istanbuls Strassen beruht. Der Künstler zeigt acht grossformatige Fotografien, in denen die gefundenen Szenen - ein Mann zum Beispiel, der mit zwei übereinandergestellten Leitern eine Strassenlampe zu reparieren versucht - in verschiedenen europäischen Städten re-inszeniert wurden, sowie eine Auswahl von Zeichnungen weiterer erfindungsreicher Handlungen. Diese praktischen Einfälle gegen Widrigkeiten aller Art scheinen auf den ersten Blick ziemlich absurd, sie verweisen jedoch auf die Lebensbedingungen der Menschen in ihrem jeweiligen sozialen und ökonomischen Kontext. Eine Ressourcenknappheit war auch der Grund für die Entstehung der Videoarbeit "Short Circuit", 2006, die Kinder beim nächtlichen Fussballspiel zeigt. Als Spielfeld dient ihnen eine Strasse, die durch ein vorbeifahrendes Auto in regelmässigen Abständen für kurze Zeit beleuchtet wird. Der Film impliziert einen weiteren Aspekt in den Arbeiten von Ahmet Ögüt: das Übersetzen von Fakten in Fiktion mittels ausdrucksstarken Bildern. Die Übersteigerung einer möglichen Realität kippt bei Ögüt ins Absurde, indem sie die Vergeblichkeit einer Situation aufzeigt und gleichzeitig deren Komik offenbart. So auch in der Videoarbeit "Death Kit Train", 2005, die eine Gruppe Männer beim Anschieben eines Autos zeigt. Indem hinter den ersten Männern eine endlose Reihe weiterer Menschen folgt, die wiederum die Männer schieben, wird die Situation ihrem eigentlichen Zweck enthoben. Gezeigt wird ein gemeinschaftlicher Akt, der die industrielle Produktion zur Bedeutung von manueller Arbeit in Beziehung setzt.
Die Installation "Today in History", 2007, besteht aus einer Wandmalerei, einer Holzfigur und der gleichnamigen Buchpublikation und thematisiert die Auseinandersetzung mit historischen Ereignissen. Ögüt hat Zeitungsausschnitte aus aus türkischen Medien im Zeitraum von 1961 bis 2007 zusammengetragen und die Texte jeweils mit einer Zeichnung illustriert. Eine Beschreibung der ersten Rolltreppe eines Warenhauses in Ankara (1967) taucht in der Sammlung ebenso auf wie die Ermordung des armenischen Journalisten Hrant Dink durch einen jungen Türken im Januar letzten Jahres.
Neben Geschichte ist die Auseinandersetzung mit dem Gebrauch und der Bedeutung von staatlichen Symbolen ein zentraler Aspekt im Werk von Ahmet Ögüt. "Magic Eye Flag", 2008, ist eine Edition von 3-D Postkarten mit einem fünfzackigen Stern, einem häufigen Flaggensymbol unter anderem auch von der Türkei, das hier als Suchbild dient und erst auf den zweiten Blick zu erkennen ist. Ein subversive Kommentar zur Repräsentation von Macht findet sich auch in "On the Road to Other Lands", 2008, einer Publikation, die im Rahmen der 5. berlin biennale nach einer intensiven Recherche Ahmet Ögüts entstanden ist. Die Bundesdruckerei, die sich neben einem der Ausstellungsorte der berlin biennale befindet, druckt Euros, Banknoten und Pässe für verschiedene Länder der EU, die ehemaligen Ostblockstaaten wie Rumänien, und auch für die Türkei. Der Künstler vermischt reale Dokumente mit fiktiven Geschichten, indem er die Bildsprache von Pässen einerseits genau analysiert und andererseits Collagen aus den gesammelten Informationen macht. Das Bildmaterial zu diesem Buch ist in der Kunsthalle Basel als Installation zu sehen. In farbigen Bilderrahmen ausgestellt, stehen die Buchseiten in der Vitrine eines Wohnungsmöbels und suggerieren eine "Gemeinschaft", die über die Zugehörigkeit zu einer Nation hinausgeht. "Perfect Lovers", 2008, schliesslich, entstand in Anlehnung an die gleichnamige Arbeit von Felix Gonzalez-Torres und zeigt eine türkische Lira neben einer 1-Euro Münze. Während bei Gonzalez-Torres zwei vermeintlich identische Uhren nebeneinander hängen, kommentiert Ahmet Ögüt mit den zum Verwechseln ähnlichen Münzen augenzwinkernd die Kunstgeschichte und verweist auf die unterschiedliche ökonomische und politische Realität zweier Staatsgebilde, deren Annäherungen Anlass zu aktuellen Debatten im heutigen Europa sind.
100 Kopien der Publikation "On the Road to Other Lands" werden als Künstleredition von der Kunsthalle Basel in Zusammenarbeit mit A-Prior Magazin, Gent, herausgegeben und sind im Buchladen der Kunsthalle Basel erhältlich.

