Biel - 13 April 2008 - 15 June 2008

Chiharu Shiota - Zustand des Seins

Chiharu Shiota: In Silence, 2008
Chiharu Shiota: In Silence, 2008
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Das CentrePasquArt Biel präsentiert in diesem Jahr die erste grosse Museumseinzelausstellung von Chiharu Shiota (*1972 Osaka) in der Schweiz und stellt zwei raumgreifende Installationen der japanischen Künstlerin vor. Der grösste Raum des Kunsthauses (Salle Poma) wurde von der Künstlerin mit einem alles umfassenden monumentalen Gespinst aus schwarzen Wollfäden vernetzt, das eine aussergewöhnliche energetische Kraft ausstrahlt und den Besucher sogleich in den Bann zieht. Diese scheinbar in die Gegenwart gewebten Spuren des Vergangenen finden sich auch in den zum Zustand des Seins versammelten Arbeiten (Galeries), in denen Gegenstände des Alltags die Abwesenheit des Körpers thematisieren.

Die monumentale In-Situ-Installation "In Silence" (2008) im 365m2 grossen und 6 Meter hohen Saal zeigt einen verbrannten Konzertflügel, der, durch das Feuer empfindlich verletzt, sein Inneres preisgibt. Wie die Fliege im Spinnennetz ist das Musikinstrument in eine Art Kokon aus schwarzen Wollfäden, die vom Boden bis zur Decke kreuz und quer durch den Raum gespannt sind, eingewoben. Dem verstummten Instrument gegenüber stehen fünfzig angesengte Stühle, die von demselben Gespinst erfasst und miteinander verbunden sind. Das Publikum wartet auf Töne, die das Piano jedoch nicht mehr von sich geben kann. Der letzte Ton ist bei der vorausgehenden Performance der Verbrennung verklungen und erloschen. Die schwarzen Fäden visualisieren einerseits das nicht Sichtbare und geben quasi die Töne im Raum wieder. Andererseits verbildlichen sie die komplexen Beziehungen zwischen den Menschen. Weder der Anfang noch das Ende des Fadens ist sichtbar. Dies bleibt analog zum Leben ein Geheimnis: Niemand weiss, woher wir kommen oder wohin wir gehen.

Diese "scheinbar in die Gegenwart gewebten Spuren des Vergangenen" finden sich auch in den erstmals zu einer Gesamtinstallation versammelten Arbeiten "Trauma/Alltag" (2006-2008) in den Räumen der Galeries. Die mit schwarzen Wollfäden in einzelne dreidimensionale Rahmen eingewebten gebrauchten weissen Kleider und Gegenstände des Alltags thematisieren die Abwesenheit des Körpers. In den Räumen frei schwebend, verbildlichen die ruhenden Gebilde kurze Momente der Erinnerung oder das mystische Verharren im Zustand des Seins.

Zwei Videos "Falling Sand" (2005) und "Bathroom" (1999) ergänzen die Ausstellung. Sie zeigen auf, dass die Künstlerin vor allem in ihren früheren Performances meist ihren Körper selbst in den Mittelpunkt stellt. In den jüngsten Werken löst sie sich zunehmend davon ab.

Die Werke von Chiharu Shiota handeln von der Frage nach der Identität des Individuums inmitten der globalisierten Welt und der Beziehungen der Menschen untereinander. "Die Fäden weben sich ineinander. Verwirren. Zerreissen. Entwirren sich" (Chiharu Shiota). Je nach gewähltem Objekt können sie auch als "Metaphern für das Gefangensein im Netz der Alpträume" verstanden werden. Die Künstlerin untersucht, ausgehend von subjektiven Empfindungen, Fragen, die jedoch weit über persönliche Betroffenheit hinausgehen. Ihre Installationen faszinieren durch die ausstrahlende Kraft ihres energischen Zugriffs auf den Raum und die Spannung zwischen Geborgenheit und Kälte. Obwohl nicht in den traditionellen japanischen Formen tätig, sind die Arbeiten von Chiharu Shiota dennoch stark von der japanischen Kultur geprägt. Besonders der zeichnerisch-kalligraphische Charakter der Fadenspannungen im Raum lässt an die Herkunft der Künstlerin erinnern.

Chiharu Shiota ist 1972 in Osaka, Japan, geboren, hat an der Kyoto Seika Universität ihr Studium abgeschlossen und studierte anschliessend in Deutschland bei Marina Abramovic und Rebecca Horn. Ihre Arbeit wurde in den letzten drei Jahren in mehreren wichtigen Ausstellungen gezeigt (u.a. in der Neuen Nationalgalerie Berlin, im National Museum of Modern Art Tokio und im P.S.1/MoMA Contemporary Art Center New York) und ist international in öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten. Die Künstlerin hat mehrere renommierte Kunstpreise gewonnen und wurde im Februar 2008 mit dem höchstdotierten Preis der Agency for Cultural Affairs Japan ausgezeichnet.

Dolores Denaro

Zur Ausstellung erscheint im Verlag für Moderne Kunst Nürnberg eine reich bebilderte Publikation mit einem Textbeitrag von Dolores Denaro (dt./engl./franz.), Mai 2008.

Sonderedition Der Kunstverein Biel gibt anlässlich der Ausstellung eine Sonderedition mit der Künstlerin heraus.

This Text in:

CentrePasquArt

Kunsthaus Centre d'art
Seevorstadt 71-75 Faubourg du Lac
2502 Biel / Bienne
Phone: 
+41 32 322 55 86
Fax: 
+41 32 322 61 81
Exhibition
13 April 2008 - 15 June 2008
Online since 12 April 2008
Opening Hours: 
Mi-Fr 14 -18 Uhr, Sa/So 11 - 18 Uhr, auch während den Feiertagen gelten die normalen Öffnungszeiten, (Mo und Di geschlossen)