Biel - 29 June 2008 - 31 August 2008
Urs Dickerhof - Fantasmi
Unter dem Titel "Fantasmi" gibt Urs Dickerhof seit Bochum 1992 erstmals wieder in einer Museumseinzelausstellung einen umfassenden Einblick in seine künstlerische Arbeit. Nebst neuen Gemälden, Skizzen und Collagen werden auch erstmals sechs Interventionen vor Ort präsentiert, während dazwischen ältere Werke eingestreut sind. In der sinnlich emotionalen Bildwelt vermischen sich bisherige Themen mit neuen und persönlichen Erfahrungswelten mit Kommentaren zur Menschheit.
Nach Abschluss seiner langjährigen Tätigkeit vor anderthalb Jahren als Direktor der Schule für Gestaltung Biel markiert die Einzelausstellung von Urs Dickerhof (*1941 Zürich, lebt und arbeitet in Biel) den Neubeginn der Konzentration auf seine eigene künstlerische Arbeit, wobei er sich u.a. mit seinem bisherigen Werk auseinandersetzt. Für die Präsentation wählte der Künstler nicht etwa die klassische Retrospektive, sondern eine freie Form der assoziativen Bildabfolge, die sich über die Ausstellungsräumlichkeiten hinweg erstreckt und die der komplexen narrativen Bildstruktur seiner Werke entspricht. Gemälde, Collagen, Skizzen und Installationen sind frei durchmischt. Ein jeder Raum wird quasi zu einem inszenierten Gesamtkunstwerk. Im Zentrum stehen die über vierzig neuen Werke, die eigens auf die Ausstellung hin entstanden sind, sowie mehrere ephemere Interventionen, die sich über den Bildrahmen hinaus über die Ausstellungswände erstrecken.
Die Ausstellungsgliederung folgt von Raum zu Raum verschiedenen Werkgruppen mit Arbeiten unterschiedlicher Schaffensphasen, in denen Dickerhof seine Gefühle und Gedanken zu täglichen Geschehnissen ausdrückt.
Im Gang von "Parkett 1" führt zunächst eine Werkauswahl unter dem Moto des Ausstellungstitels "Fantasmi" in die verschiedenen Themen und Sujets der Ausstellung ein. Im ersten Raum folgen Kommentare zu politischen oder geschichtlichen Ereignissen wie im irakischen Gefängnis von Abu Ghraib, das 2004 mit Folterskandalen in die Medien gelangte. Das Thema der Misshandlung findet sich auch in den elektrischen Stühlen wieder, mit denen sich der Künstler bereits in früheren Werkphasen beschäftigte. Die nächste inhaltliche und formale Zusammenstellung versammelt Werke rund um den biblischen Begriff des "Ecce Homo" (Siehe, der Mensch), gefolgt von "L'Artiste et ses Modèles" (der Künstler und seine Modelle) und der Gesamtinstallation "L'Heure Bleue" oder die produktive Nacht des Künstlers. Im letzten Raum sind zwölf Tierbilder vereint. Während deren Zahl an die Apostel erinnert, handeln sie inhaltlich von Leda und dem Schwan aus der griechischen Mythologie bis hin zum eigenen Haustier.
In den "Galeries" führen im Gang politische Statements in die Ausstellung, während im ersten Raum Örtlichkeiten verschiedener Städte wie Amsterdam, Kairo oder Rom verarbeitet werden. Rund um die Flugversuche von Ikarus versammelt der zweite Raum Werke zum Thema des Absturzes unterschiedlicher Art.
Ein Schlüsselwerk zu Dickerhofs Werk, das über alle Themen und Schaffensphasen hinweg von der Sexualität stark geprägt ist, ist in der neuesten zentralen Arbeit "Madame Elise" im letzten Ausstellungssaal der Galeries zu finden, in dem Werke rund um Golgatha zum Thema des Ausgesetztseins und Eingesperrtseins versammelt sind. In Madame Elise setzt sich der Künstler mit der Figur seiner eigenen Mutter auseinander, die er selbst nie zu fassen vermochte wie er einst selbst festhielt: "Sie war immer nur diese ältere Dame, die nichts von sich preisgeben wollte." Doch ihre Lebensgeschichte beschäftigt ihn seit langer Zeit. Elisabeth war ein uneheliches Kind und von Geburt auf Vollwaise. Ihr Vater, ein Zigeuner, verliess ihre Mutter noch bevor sie das Licht der Welt erblickte und ihre Mutter starb im Wochenbett. Unerwünscht, von streng katholischen Grosseltern erzogen, im Wissen um ihr Anderssein und in der Pubertät ihrer Herkunft wegen geplagt und bedrängt, flüchtete sie vor dem aufkommenden Naziregime und einer zum Teil daran partizipierenden Verwandtschaft aus Niederbayern in die Schweiz, wo sie später heiratete und fünf Söhne - darunter als jüngsten Urs - zur Welt brachte. Es ist nicht erstaunlich, dass für Urs Dickerhof das Bild der Frau das Symbol grösster Verletzlichkeit überhaupt ist, während sich formal bezüglich Erotik Verwandtschaften mit Gustav Klimt, Egon Schiele und Tom Wesselmann finden lassen.
Die schablonenartige bunte Bildsprache des Künstlers - die unverkennbar von der Pop Art geprägt ist und die er als einer der wenigen Schweizer Künstler von Anbeginn an präsentiert hatte - verschmilzt Bilder aus den Massenmedien mit eigenen Texten, Tagebuchseiten, persönlichen Briefen und eigenen Erfahrungswelten. Der Titel der Ausstellung steht stellvertretend für das gesamte bisherige und neue Schaffen Dickerhofs, das sich zwischen Wunschvorstellungen, Träumen und Alpträumen, zwischen Gut und Böse bewegt: Fantasien und Fantastereien zwischen Selbstreflexion, Familien- und Menschheitsgeschichte, Mythologie, Politik und Sexualität.
Dolores Denaro
Im Verlag edition clandestin ist eine zweiteilige Publikation mit einem Skizzenbuch des Künstlers und einer Dokumentation der Ausstellung erschiene (mit Texten von Dolores Denaro, Urs Dickerhof und Francesco Micieli). Ausserdem erscheinen im verlag die brotsuppe die Notizen vom Tal als Hörbuch, unter dem Titel "Kleine blaue Nacht" mit Musik von mischa d.
Als Sonderausgabe können Buch und Dokumentation zusammen mit einem mehrfarbigen Siebdruck erworben werden. Acht Sujets im Format 18 x 13 cm stehen zur Auswahl.
Titel: Fantasmi
Jahr: 2008
Auflage: je 21 Ex., vom Künstler nummeriert und signiert
Druck: Arni Siebdruck AG, Basel


