Bergell - 5 July 2008 - 21 September 2008
ArteBregaglia - Ein Kunstparcours von Maloja bis Chiavenna
ArteBregaglia: Gegenwartskunst kommt ins Bergell, in ein Tal italienischer Sprache und alpiner Kultur am Südrand der Schweiz. Es liegt auf der Fahrstrecke von Mailand nach St. Moritz und wird meist nur als Durchgangstal wahrgenommen. Das Bergell gilt als Geheimtipp, nur wenige kennen es näher. Es verbindet die Arvenwälder von Maloja auf 1800 Meter mit den südlichen Gärten des italienischen Städtchens Chiavenna auf 300 Meter, wo das Tal Valchiavenna genannt wird.
13 Künstlerinnen und Künstler haben während mehr als einem Jahr das Bergell öfters besucht, es untersucht, erwandert und erfahren. Einen Sommer lang zeigen sie nun ihre Arbeiten, mit denen sie auf die speziellen historischen, kulturellen und politischen Gegebenheiten der Region reagieren. Allen gemeinsam ist ein kontextbezogenes Vorgehen, das Spuren der Vergangenheit aufgreift, sichtbar macht und in ein neues Licht rückt.
Die Arbeiten der am Ausstellungsprojekt "ArteBregaglia" beteiligten Künstlerinnen und Künstler verbinden sich zu einer Kette von Interventionen, Installationen und Interaktionen, die sich durch das ganze Tal von Maloja bis Chiavenna zieht. Die in Zürich lebende Bündner Künstlerin Ursula Palla eröffnet den "Stationsweg" mit ihrer audiovisuellen Installation "Passage". Beim Turm Belvedere in Maloja ertönt ein Lachen, das sich über das ganze Tal ergiesst und aus optisch dezent markierter Quelle einmal froh und unbeschwert, ein anderes Mal hämisch oder spöttisch erschallt und wieder verebbt.
Hier oben beim Turm richtet auch der deutsche Künstler Pfelder sein "Zimmer mit Aussicht" ein. In den Ruinen des einstigen Hotels, das der belgische Graf de Renesse errichtete, entwirft er nach Plänen von namhaften Architekten drei biwakartige Unterkünfte, die sich zur Skulptur formieren.
Der deutsche Künstler Olaf Nicolai erinnert an den italienischen Verleger Giangiacomo Feltrinelli. Als Reminiszenz an ihn, der bei einem missglückten Sprengstoffanschlag auf einen Strommasten ums Leben kam, erklärt Nicolai einen Baum zur Skulptur und behängt diesen mit rot eingefärbten Isolatoren. Die Natur-Skulptur wird so zur vieldeutigen Metapher.
Die Mailänder Künstlerin Chiara Dynys hat die gotische Kirchenruine San Gaudenzio für ihre Intervention ausgewählt. In der Apsis des offenen Raums platziert sie ein massstabgetreues Kirchenmodell, das sich aus zwei, in gotischen Lettern gefügten Schriftzügen - Bellezza (Schönheit) und Sobrietà (Nüchternheit, Genügsamkeit) - fügt. In diesen beiden Begriffen sammelt und potenziert sich die polare Identität des Tales. In Vicosoprano lädt die in Zürich lebende Bündner Künstlerin Patricia Jegher die Besucher ins "Hotel Helvetia" ein. Mit ihrem Monument auf Zeit, einer begehbaren Box, erinnert sie an das einstige Hotel Helvetia, das während des Zweiten Weltkriegs als Interniertenheim für Flüchtlinge diente.
Unweit vom Hotel Helvetia erheben sich, in einer idyllischen Waldlichtung versteckt, zwei zylinderförmige Steintürme. Bis ins 18. Jh. hinein dienten sie als Galgen. An diesem Ort tritt der Bergeller Künstler Piero del Bondio in verschiedenen Performances auf und thematisiert die Gefühle von Schmerz und Angst gestern und heute.
Bei der Brücke über die Maira, die zum Palazzo Castelmur führt, möchte der in St. Gallen lebende Schweizer Künstler Roman Signer ein Bild auf das Wasser projizieren, das ihn beim Eindunkeln als lebensgrosse Figur in seinem Kajak zeigt. Er paddelt an ein und derselben Stelle den Fluss aufwärts. Während des Tages wird die Wasser-Aktion auf einem kleinen Monitor gezeigt.
Die Lausanner Künstlerin Ariane Epars macht bei der Kirche Nosa Dona bei Promontogno halt. Als eine subtile Spurenleserin legt sie Schichten der historisch bedeutenden Stätte frei und lädt sie durch subtile Eingriffe mit neuer Energie auf. Der in Berlin lebende Zürcher Künstler Rémy Markowitsch verfolgt die Spuren von ausgewanderten Talbewohnern bis nach Afrika. Unterhalb von Soglio, in unmittelbarer Nähe von Heuställen und Kastaniendörrhäuschen, die zum Teil zu Ferienhäuschen umgebaut sind, erstellt er eine afrikanische Rundhütte, die auf dem Dach eine Kastanie wie einen Fetisch trägt. Soziale, historische und architektonische Klischeevorstellungen treffen spannungsvoll aufeinander und hinterfragen sich gegenseitig.
Die aus Wales stammende, in Paris lebende Künstlerin Bethan Huws bringt Licht ins Dunkel eines kleinen Tunnels unterhalb von Soglio. Mit einem Seitenblick auf Marcel Duchamp entleiht sie dessen berühmtem Werk "Etant Donnés" den Frauenarm, der eine Lampe hält.
Beim alten Zoll und damit an der streng bewachten Grenze zwischen dem schweizerischen und dem italienischen Teil des Tales plant der Mailänder Künstler Luigi Serafini eine Schaukel. Wer sich darauf setzt, schwingt unbeschwert über die politischen Grenzen hinweg und stellt sie durch seine schwebend leichte Gegenwart in Frage. Der Zürcher Künstler Michael Günzburger hat sich in den vielen Gaststätten des Tales umgesehen. Mindestens für die Dauer der Ausstellung schmückt eine Serie seiner subtil humorvollen Kupferdrucke deren Wände.
Um das Erleben von Zeit geht es der in Berlin lebenden Berner Künstlerin Simone Zaugg. Ihre Zuckerskulptur "A WAY" verweist auf das Bergell als Tal der Durchgangswege genauso wie auf die zum Auswandern gezwungenen Zuckerbäcker. Paradiso – der botanische Garten auf einem felsigen Hügel, der sich direkt über dem Städtchen Chiavenna erhebt, wird von besonderen Klängen umfangen. Zaugg lässt an verschiedenen Orten von einem Bergeller Frauenchor angestimmte Weisen ertönen. In verschiedenen Sprachen werden die Gefühle von Heim- und Fernweh, von Werden, Sein und Vergehen im Tal und in der Welt besungen.
Aus Anlass von ArteBregaglia erscheint im Verlag Periferia Poschiavo/Luzern eine zweiteilige Publikation. Der erste Teil, der schon vor Ausstellungsbeginn erhältlich ist, dokumentiert das gesamte Projekt ArteBregaglia. Texte (Angelika Affentranger-Kirchrath, Anna Giacometti, Lucia Buzetti, Patrizia Guggenheim) und skizzenafte Beiträge der Kunstschaffenden machen den Entstehungsprozess der Arbeiten deutlich, sie bewegen sich in der Spanne von Idee und Realisierung. Im zweiten Teil der Publikation, der wenig später erscheinen wird, präsentiert der renommierte, in New York tätige Wahlbergeller, der Kunst- und Werbefotograf Raymond Meier, die fertigen Kunstwerke vor Ort.
Ein vielfältiges Rahmenprogramm flankiert und akzentuiert den Kunstparcours.
Kuratorinnen der Ausstellung: Dr. Angelika Affentranger-Kirchrath, Patrizia Guggenheim



