Berlin - 20 June 2008 - 26 July 2008
Thomas Hauri, Katja Loher, Dominik Stauch - a.i.r. one - artists in residence
In Berlin gibt es zahlreiche Residenz-Ateliers, die Künstler/innen aus der Schweiz vergeben werden. Das Substitut gibt diesen regelmässig Gelegenheit sich und ihre Arbeit einem Berliner Publikum vorzustellen.
Thomas Hauri arbeitet bis Ende Juni im Atelier des Kantons Aargau. Im Substitut zeigt er ein grossformatiges Aquarell, welches in Berlin entstanden ist. Das Grundmotiv des Künstlers ist immer Architektur. Oftmals dienen ihm monumentale Gebäude als Vorlage. Manche malte er bloss mit einem Hauch von Farbe, oder sogar nur mit Wasser, so dass durch die Wellung des Papiers eine Struktur sichtbar wird. Andere Zeichnungen wiederum sind dicht - weil es sich um Aquarelle handelt, sind die einzelnen Schichtungen alle sichtbar. Die Aquarelltechnik lässt Korrekturen kaum zu, sie erfordert ein äusserst genaues Arbeiten. Hauris Bildfindung ist dennoch prozesshaft. Er skizziert nur ein Grundgerüst vor (das sichtbar bleibt); das eigentliche Bild entsteht dann über mehrere Wochen. Dabei ist das Scheitern stets ein drohender Faktor. Ob das Bild gelungen ist, lässt sich erst ganz am Ende sagen, erst wenn der Künstler daran auch nichts mehr ändern kann.
Hauri kreiert neue, manchmal perspektivisch unmögliche Räume. Er zieht die Betrachter in eine kulissenhafte, zwischen Düsterheit und Auflösung schwankende Welt. Das Aquarell im Substitut zeigt einen monumentalen Innenraum, darin verschachtelt ein Gebäude, welches einer Überblendung ähnlich, den Raum ausfüllt. Aussen- und Innengrenzen verwischen, Transparenz ermöglicht nur scheinbar den Durchblick, Fassaden und Wandstrukturen oszillieren zwischen Mauer und geometrischem Muster.
Katja Loher lebt und arbeitet in New York, wohnt aber momentan im Atelier des Kantons Schaffhausen. Im Substitut zeigt sie die Installation "Planêtre (Wesensplanet)" (Koproduktion mit Julia Sorensen).
"Planêtre" suggeriert ein Labor aus der Sicht eines Wissenschaftlers: Vier Videoplaneten in verschiedenen Grössen schweben im Raum. Die Videoplaneten manifestieren eine Art Zucht oder Genexperiment. Eine Hybridisierung, dessen Natur man im Laufe der theoretischen und praktischen Elemente entdecken kann: Der Versuch, einen "Planêtre" zu erzeugen. Einen lebendigen Planeten, entstanden durch die Kreuzung von Mensch und Planet. Im Zentrum befindet sich der "dirigierende Planet". Ein atmender Ballon, der auf der Wasseroberfläche in einem Aquariums schwimmt. Durch das rhythmische Ein- und Ausatmen des Luftkörpers sinkt und steigt der Wasserspiegel, welcher in diesem Experiment den Status der Gezeiten darstellt.
Eine in einer Ecke des Aquariums installierte Kamera nimmt das Studium der Atmung auf und überträgt dies auf einen der Planeten. Das direkt projizierte Video verwandelt diesen Ballon im Rhythmus der Atmung vom Leermond zum Vollmond. Dieses Experiment beweist die Theorie, dass die Gezeiten (Bewegung der Wassermassen des Meeres) durch die Atmung des "Planêtre" verursacht werden. Offensichtlich wurde dieses Labor schlagartig verlassen. Die Experimente sind im Laufe gelassen doch der mysteriöse Wissenschaftler scheint verschwunden zu sein. Am Boden und auf den Wänden befinden sich analysierende Diagramme und Texte über die durchgeführten Experimente. Auf dem Boden ist ein Plan, der die Umlaufbahnen der Planeten zeigt. Er schaut einer Metrokarte ähnlich, Worte bezeichnen die Haltestellen. Der Umlaufbahn jedes Planeten folgend bilden die Haltestellen einen Satz, schreibt die Künstlerin in ihrer Doku.
Dominik Stauch ist im Residenzatelier der Stadt Thun zu Gast. Im Substitut zeigt er das in Berlin entstandene Video "Urban Walkabout". Ein Walkabout ist eine rituelle Wanderung der Aboriginies. Stauchs Wanderung ist eine Urbane. Wer jedoch einen bunten Bilderbogen Berlins erwartet, täuscht sich. Denn Stauch reduziert seine wuchernden Assoziationen stets auf einen minimalistischen Ausdruck; im Fall von "Urban Walkabout" auf kommende und gehende weisse Balken, unterlegt mit Musik. Neben der älteren Arbeit "Great Plains", zeigt Stauch ausserdem eine neue Serie von Siebdrucken. Die Bildvorlagen fand er im Internet. Es erscheinen als Cowboys (u.a.): Joseph Beuys, William S. Borroughs, Johnny Cash, Kurt Cobain, Walt Disney, Bob Dylan, Bruce Naumann, Pablo Picasso, Hugo Ball, Robert Walser...
Toni Stoss schreibt im Katalog zu einer Ausstellung im Museum Liner zum Werk von Stauch: "In seiner multimedialen Arbeit wendet Stauch die Reflexion eines Dilemmas der postmodernen Entzauberung, die Empfindung der 'Gleichgültigkeit' der künstlerischen Ausdrucksmittel und des 'anything goes' im Nachhall zur Geschichte der Moderne, zum Positiven hin. Was ihn interessiert, was er in seiner Bild-, Text- und Tonmedien einsetzenden Arbeit verfolgt und zu vermitteln versucht, ist - in lapidare Worte für komplexe Sachverhalte gefasst -, "die wechselseitige Wirkung des Neben- und Übereinanders von Farben, neben der architektonischen Ergründung des Raums." (D.S.). Was sich auf der formalästhetischen Ebene vorerst recht einfach, als Resultat einer eindimensionalen konzeptuellen Recherche liest, baut jedoch auf einem differenzierten assoziativen Gedankengebäude auf, dessen strukturelle Elemente auf älterer Kunst, vor allem der Klassischen Moderne, Pop-Musik und Beat-Literatur basieren und für bestimmte Intentionen und Erfahrungen stehen: "Ein Aspekt, der mir bei meiner Arbeit wichtig ist, besteht darin, Geschichten oder Stimmungen aufzugreifen, Haltungen, Zeitgeschehnisse und Personen zu vernetzen und in einem Konzept zu verdichten. Da kann Autobiographisches mit Literatur verschmelzen, da können Anliegen der Kunst- und Kulturgeschichte in die Gegenwart geholt und mit neuen Vorzeichen gelesen werden."

