Zurich - 2 June 2008 - 17 August 2008
Kitty Kraus
Kitty Kraus beschneidet Anzüge zu Rechtecken und legt sie als minimalistisch anmutende Bodenarbeiten oder als Boden und Wand verbindende Flächen in den Raum. Glasscheiben sind in eigenartigen Winkeln zu sich selbst und zur Wand des Raumes gelehnt, ihre Schnittstellen sind lose verbunden und sie dringen in die Wände ein. Es sind irritierende, an der Grenze zur Sichtbarkeit balancierende Hindernisse im Raum, Körperhindernisse, an den menschlichen Körper gemahnende Hindernisse, gefangen in gefährdet-fragiler Unbeweglichkeit. Kuben aus Spiegeln projizieren Lichtspiele in den Raum oder zerspringen durch die Hitze einer in ihrem Inneren platzierten Lampe; andere Kuben aus tintegefärbtem Eis schmelzen und hinterlassen eine einsame Glühbirne in einer unkontrollierten, organischen "Bodenmalerei".
Die Evokation von "Körpern" durch die Abwesenheit des Körpers, die Entkörperlichung unserer Körper durch Geometrisierung und Disziplinierung, Begrenzungen und Grenzziehungen (durch den Raum, die Kleidung, die Physikalität von Materialien und den rechten Winkel) sowie die Konstruktionen dieser Geometrisierungen stehen im Zentrum der Arbeiten der Künstlerin. Sie transportieren die bedrohte Integrität der Ganzheit des Körpers und die Versehrtheit sowohl physischer wie psychischer Zustandsformen.
Kitty Kraus' Ausstellungen sind dramaturgisch aufgeladene Ensembles einer Begegnung mit "Körpern". Sie sind aber auch dramaturgisch aufgeladene Beziehungen zur Geschichte der geometrischen Kunst wie der Geometrisierung unserer Welt. Dabei setzen ihre Arbeiten die bereits "psychologisierten" Beispiele dieser Kunstrichtungen konsequent in die Gegenwart fort: Beuys'sche Formbefragungen durch die Thematisierung des Aggregatzustands von Materialien, aber auch Richard Serras "Splash" Arbeiten, Blinky Palermos Verwendung von Stoffen und der Naht als kompositorisches Element, Bruce Naumans Körper- und Raumbezüge und besonders sein Betonkubus von 1968, der einen Schrei, aufgezeichnet als Endlosloop in einem Betonkubus, erstickt und der auch in Isa Genzkens "Weltempfänger" von 1982, dessen Antenne in einem Betonkubus steckt, Resonanz findet. Die Neonleuchten und Glühbirnen in Kitty Kraus' Werk evozieren die Werke von Dan Flavin und Felix Gonzales-Torres, die beide mit diesen Materialien auf den Tod und das Vergehen verweisen. Kraus' Spiegelkuben laden auch die Erinnerung an Michaelangelo Pistolettos "Metrocubo d'Infinito" aus den 1960er Jahren auf: Bei beiden sind sechs Spiegelscheiben zu einem geschlossen Kubus zusammengefügt. "Stück für Stück, wie sich die Spiegel zusammenfügen, vergrössert sich die Zahl der Bilder im Inneren der Konstruktion. In dem Augenblick, wo der letzte Spiegel angelegt wird, wird das verspiegelte Innere zu einem Kubus, in dem alle sichtbaren Bilder verschwinden" (Pistoletto, 1966). Bei Kitty Kraus sprengt eine Lampe diese unendliche Spiegelung des Nichts im Innern und setzt Konstruktion, Materialität und Metaphysik zugleich dem Scheitern aus.
Die Kunsthalle Zürich dankt: Präsidialdepartement der Stadt Zürich, Luma Stiftung


