Zurich - 31 May 2008 - 6 October 2008
Masked ball by RothStauffenberg
"Karneval ist ein Schauspiel ohne Rampe, ohne Polarisierung der Teilnehmer in Akteure und Zuschauer. Im Karneval sind alle Teilnehmer aktiv, ist jedermann handelnde Person. Der Karneval wird gelebt. Der Karneval ist die umgestülpte Welt." Michail M. Bachtin
Maskenbälle sind eine Zumutung, für den der eingeladen wird und auch für den der einlädt. Uns persönlich graut es jetzt schon davor.
Maskenbälle im Jahr 2008 sind eine von diesen Ungezogenheiten, die Kinder veranstalten, wie es Walter Benjamin in Fritz Fränkels Mescalin-Protokoll bezeichnet.
Er kennt auch den wahren Grund für diese "weisen Ungezogenheiten": Es sei der Verdruss der Kinder darüber, dass sie nicht zaubern können. Der erste Verdruss des Kindes sei nicht, dass die Erwachsenen stärker sind, sondern, dass es nicht zaubern kann. Giorgio Agamben folgert daraus, dass die "unüberwindliche Traurigkeit, von der die Kinder manchmal befallen werden, genau aus dem Bewusstsein entsteht, dass sie der Zauberei nicht mächtig sind." Und er zitiert aus einem Brief, den der kindliche Wolfgang Amadeus Mozart schrieb: "gut leben, und vergnügt leben, ist zweyerlei, – und das letzte würde ich | ohne hexerey | nicht können; es müste wahrhaftig nicht natürlich zugehen! – und das ist nun nicht möglich, denn bey iezigen zeiten giebt es keine hexen mehr." Das von einem der wirklich zaubern konnte und der den Geistern näher war als jeder andere. Mozart liebte Maskenbälle, fast täglich wurde irgendwo einer gegeben. Zumindest jeden Samstag, vielleicht war das damals sowas wie bey iezigen zeiten "Deutschland sucht den Superstar". Mozart lief wahrscheinlich krakelend ohne Hose zu den jungen Frauen und kitzelte sie. Noch am gleichen Abend schrieb er dann "Porgi Amor". Oder doch "Bona Nox"?
Wir haben letztes Jahr schon mal in Beira, der zweitgrössten Stadt Mozambiks, einen Maskenball gegeben. Im Grande Hotel, das vor 20 Jahren noch der Stolz Afrikas war, das grösste Hotel auf dem Kontinent und heute leben dort über 3000 Hausbesetzer. In einem Hotel mit etwas mehr als 300 Zimmern. Sie wohnen auf den Gängen, im Speisesaal – obwohl der ist neulich eingestürzt – in den ehemaligen Kühlräumen, auf den Treppen und in den Duschen. Im Pool wird gewaschen, die Liftschächte sind bis obenhin voll mit Müll, Parkettböden sind verheizt, aber irgendwie wirkt es sauber und organisiert. Auf dem Dach und einigen Balkons wachsen richtige Bäume aus dem Beton.
Wir haben mit den Bewohnern dort Masken getauscht, Mozart gehört und einen langen Film gedreht. Er wird "The Kingdom of Mozartbique" heissen.
Mozart war 1790 in Afrika, kurz nachdem "Cosi fan tutte" Premiere hatte. Es ist nicht überliefert ob er jemals Angelo Soliman, den afrikanischen Valet de Chambre des Fürsten Wenzel von Liechtenstein getroffen hatte. Soliman war ein angesehenes Mitglied der Wiener Gesellschaft und unter den häufigen Gästen des Kaisers. Mozart reiste über Ägypten den Kongo-Fluss hinunter bis Léopoldville. Zurück in Wien begann für ihn eine sehr produktive Zeit bis zu seinem Tod 1791, in der er unter anderem die "Zauberflöte" komponierte.
In Afrika gelten Masken als Tickets, Passagen oder Vermittler zu einem neuen Lebensabschnitt wie Geburt, Heirat oder Tod. Oder in eine andere Welt. Maske, Schminke und Tätowierung legen auf den Körper eine geheime, heilige Sprache, versetzen den Körper an einen Ort, der nicht zu dieser Welt gehört, hat Michel Foucault gesagt. In den Sprachen Afrikas gibt es das Wort Maske nicht, der Name bezieht sich direkt auf das, was visualisiert wird, wie Kopfgeister, Buschwesen und Ahnen. Es ist immer etwas Spirituelles und Innerliches, während sie in der westlichen Kultur etwas Äusserliches haben und Symbol des Falschen oder Trügerischen sind. Uns interessiert Bachtins Idee des Karnevals – als letzte Form der Subversion, als revolutionärer Impuls: "Deshalb geht grossen Umwälzungen, selbst noch in der Wissenschaft, eine gewisse Karnevalisierung des Bewusstseins voraus." Die umgestülpte Welt, "eyes wide shut", "Masken werden getanzt" hat Hubert Fichte geschrieben.
Nun werden wir zum ersten Mal Teile von "The Kingdom of Mozartbique" in Zürich vorführen und mit Michelle Nicol einen weiteren Maskenball geben.
Kurz vor der Art Basel helfen uns Künstler, Designer und Modemacher verschiedene Masken zu entwerfen und die Gäste sind eingeladen mit ihnen und mit uns Masken zu tauschen, zu tragen und zu tanzen.
Wir hoffen im Sinne Bachtins auf alle Ungezogenheiten der verehrten Gäste, auf alle karnevalistischen Ruchlosigkeiten, dass sie kotzen, knutschen, fluchen, brand-schatzen, sich kitzeln, lieben und ficken mögen. Kinder wissen, dass man sich das wahre Glück nicht verdient, sondern, dass es einem zufliegt, wenn man die magischen Worte kennt, einen Zauberer oder den richtigen Geist.
RS Mai 2008
Es werden spezielle Editionen des abendfüllenden Filmes "The Kingdom of Mozartbique" zu sehen sein. "Based on a True Story" von RothStauffenberg erscheint im Spätsommer in der Edition Patrick Frey.

