Glarus - 5 September 2010 - 21 November 2010
Alexandra Bachzetsis - Play / Johanna Billing - I'm Lost Without Your Rhythm / Falke Pisano & Ana Roldan - Dynamo
Das Kunsthaus Glarus zeigt drei parallele Ausstellungen von Alexandra Bachzetsis, Johanna Billing und Falke Pisano & Ana Roldan sowie Bilder von Robert und Ruth Jenny im Dialog mit der Sammlung des Glarner Kunstvereins.
Im Mittelpunkt der drei zeitgenössischen Präsentationen steht die Auseinandersetzung mit künstlerischen Arbeitsprozessen und Werkentwicklungen, die offen und prozessorientiert angelegt sind. Die Arbeiten aller eingeladener Künstlerinnen haben einen kollaborativen und interdisziplinären Background. Ausgehend vom Thema Tanz und Performance wagen sie Crossovers in andere Genres. Die Künstlerinnen stellen Experiment und Entstehungsprozess, nicht die endgültige Form in den Vordergrund. Zwischen den drei Positionen bestehen Verbindungen und gemeinsame Interessen, sie sind jedoch ganz unabhängig voneinander als eigenständige Einzelpräsentationen konzipiert. Die Ausstellungen knüpfen thematisch an die Gruppenausstellung "PERFORMATIVE ATTITUDES" an, die Anfang 2010 im Kunsthaus Glarus gezeigt wurde und nun parallel in Glarus sowie in der Ausstellung "Performative Structures - New Existentialism Part 1" in der Alten Fabrik in Rapperswil vertieft wird.
Alexandra Bachzetsis (*1974, lebt in Basel) ist Performancekünstlerin und Choreografin und tritt mit ihrer Arbeit seit einiger Zeit auch wiederholt im Kunstkontext auf. Ihre Arbeit oszilliert immer wieder zwischen Tanzperformance und künstlerischem Anspruch. Im Kunsthaus Glarus zeigt sie zwei Arbeiten, in denen dieser interdisziplinäre Aspekt und die Auseinandersetzung mit dem Objekt, dem Körper und Raum besonders hervortreten. Die Arbeit "Secret Instructions", eine Kollaboration mit der Grafikerin Julia Born, umfasst die bearbeiteten Scripts von sechs Theaterstücken, ein Programmheft sowie eine Performance, die einmalig bei der Vernissage aufgeführt wird. Später ist sie als Video in der Ausstellung dokumentiert. Die sechs ausgewählten Theaterstücke des 20. Jahrhunderts stammen von Edward Albee, Samuel Beckett, Berthold Brecht, Anton Chekhov, Sarah Kane und Harold Pinter. In ihren Scripts wurden alle gesprochenen Textstellen entfernt, so dass sie nur noch aus dem Gerüst der Bewegungsanweisungen bestehen. Die Instruktionen sind damit offen für die Interpretation der Schauspieler. In der Performance ergeben sie keine fixe Dramaturgie. Nur die Bewegungsabläufe in Bezug auf die Objekte, die in den Theaterstücken vorhanden sind, bestimmen die Choreografie. Mit der Aufführung im Kunsthaus Glarus entsteht eine Trilogie von Aufführungen, die bereits im De Brakke Grond in Amsterdam und im Theaterhaus Gessnerallee Station machte. Erstmals ist diese Arbeit damit im Kunstkontext zu sehen. Als zweite Arbeit zeigt Alexandra Bachzetsis eine neue Zwei-Kanal-Videoarbeit mit dem Titel "Rehearsal (Ungoing)". Sie unterzieht alltägliche Gegenstände wie Niveatuben, Kaffee, eine Zeitschrift oder eine Pillenpackung irreversiblen und reversiblen Veränderungsprozessen. Es ist eine alltägliche Choreografie für zwei Hände, die verschiedene Gegenstände auf einem einfachen Tisch manipulieren und aus dem entstandenen Chaos wieder Ordnung herzustellen versuchen. Der Versuch, das Geschehene zu wiederholen, gelingt nur teilweise. Das synchrone Nebeneinander des originalen und des wiederholten Versuchs zeigt die absurde Unmöglichkeit des exakten Nachvollzugs.
Johanna Billing (*1973, lebt in Stockholm) zeigt die Videoarbeit "I'm Lost Without Your Rhythm" (2009). Sie handelt von einem Workshop in Choreografie, zeitgenössischem Tanz und Live-Improvisation, der während der "Periferic 8 Biennal of Contemporary Art 2008" in Rumänien in Zusammenarbeit mit der schwedischen Choreografin Anna Vnuk stattfand. Während mehrerer Tage beobachtete und dokumentierte Billing diese mit Amateurtänzern und Schauspielstudenten durchgeführte offene Veranstaltung. Anschliessend editierte sie das Material zu einem durch Musik und Rhythmus komponierten Filmloop. Im Fokus steht nicht die Aufführung einer abgeschlossenen Performance, sondern der Prozess der Live-Improvisation zwischen Choreografin, Tänzern, lokalen Musikern und den Besuchern. Billing beobachtet die Dynamik des Ortes und seiner Gemeinschaft und lässt dabei die involvierten Personen frei improvisieren. Aus dem dokumentarischen Material komponiert sie in der Postproduktion ein neues Werk. Durch eine bedeutungsgeladene Musikauswahl und dramaturgische Schnittrhythmen entsteht im editierten Film eine Stimmung, die irgendwo zwischen dem Abbild der Realität und einer Fiktion angesiedelt ist. Damit schafft sie das Gefühl einer stillen Choreografie mit unsichtbaren Regeln. Die filmische und musikalische Verarbeitung von Gemeinschaftsprojekten ist eine zentrale Arbeitsweise von Johanna Billing, die sie auch schon bei einem Segeltörn eines Musikensembles (This is how we walk on the moon, 2007) oder beim Üben in einer Kindermusikschule in Zagreb (Magical World, 2005) anwendete. Billings akribisch komponierte Filmtechnik erzielt eine Einfachheit der Form, die zwischen Oberfläche und Tiefe oszilliert. Die Präsentation der Filmarbeit im Ausstellungsraum ist immer auch räumlich komponiert und besitzt installative Züge.
Falke Pisano & Ana Roldan zeigen ein von den beiden Künstlerinnen gemeinsam konzipiertes Werk, eine dreiteilige Stoffarbeit, welche mit je einer eigenen Zeichnung bedruckt ist. Ursprünglich waren die Stoffe am Boden ausgelegt und dienten als Spielflächen für Objekte, die ihren Ursprung in früheren Ausstellungen und Installationen der Künstlerinnen haben. Diese mit Geschichte und Bedeutung behafteten Objekte von Pisano & Roldan treten auf der Spielfläche in eine Beziehung miteinander und bilden einen neuen Interpretationszusammenhang. In einer Anleitung beschreiben die Künstlerinnen für die drei Spielflächen insgesamt sechzehn Positionen, die in vergangenen Ausstellungen während der Ausstellungsdauer durchgespielt wurden. In Glarus wird nun eine neue Version der Arbeit gezeigt, in der diese Choreografie nur noch beschrieben, aber nicht mehr umgesetzt wird. Die Bewegungen der Objekte im Raum finden nur noch in der Imagination des Betrachtenden statt. Das Verhältnis zwischen Anleitung und Realisierung wird so zu einem offenen Prozess, an dem auch der Betrachter seinen Anteil leistet. Neben Dynamo zeigen Pisano und Roldan je eine frühere Arbeit, aus deren Grundlagen das Kooperationsprojekt entstanden ist. So verlagert sich der Fokus der Präsentation in Glarus auch hin zu Dokumentation und Entstehungsgeschichte, im Gegensatz zum ursprünglichen Display mit aktiv performativem Charakter.
Ana Roldan (*1977 Mexico City, lebt in Zürich) studierte Sprachwissenschaften und Geschichte bevor sie sich der bildenden Kunst zuwandte. Ihre Arbeiten, die oftmals Zeichensysteme entwerfen, die durch kulturelle Codes geprägt sind, fordern das Publikum stets zur Interaktion. Nur durch die Beziehung zu ihnen und durch die gedankliche Teilnahme wird das Werk vollendet. Dies zeigt sich auch in "The Play: One self act, the battle after the goal" (2006), wo wiederum eine Anleitung für ein absurdes Spiel vorliegt, das den Betrachtenden zur Teilnahme auffordert. Die Arbeiten der niederländischen Künstlerin Falke Pisano (*1978, lebt in Berlin) entstehen aus einem Interesse an den Möglichkeiten von Sprache bei der Analyse von Kunstwerken. Ihr Hauptfokus gilt den Bedingungen und Wirkmechanismen von modernistischen Skulpturen aber auch dem Thema der Abstraktion an sich. In Videos und Vortrag-Performances versucht sie, das Wesen skulpturaler Objekte mit den Mitteln der Sprache und Textkonstruktionen herauszuarbeiten. Pisano begibt sich somit in den Zwischenraum von Künstler und Betrachter, Produktion und Rezeption. In ihren Arbeiten wird so der Wahrnehmungsprozess selbst erfahrbar und ihr persönlicher Kommentar verändert das Sehen. In ihrer Zwei-Kanal-Videoarbeit "Chillida (Forms and Feelings, 2006)" nähert sich Pisano betrachtend und erzählend einem Buch mit Fotografien von Skulpturen des Bildhauers Edoardo Chillida.
Glarner Privatsammler im Dialog - Robert und Ruth Jenny
Für die Ausstellung in den beiden Räumen im Untergeschoss sind Robert und Ruth Jenny eingeladen, eine Auswahl von Bildern aus ihrer Sammlung im Kunsthaus Glarus zu zeigen. Das Ehepaar besitzt eine Anzahl von Werken der sogenannten "Nuova Scuola Romana" oder "Officina San Lorenzo", etwa von Piero Pizzi Cannella (*1955), Bruno Ceccobelli (*1952) oder Gianni Dessì (*1955), die während den 80er Jahren in Rom in der ausgedienten Pastafabrik Cerere arbeiteten und gemeinsame Interessen für eine symbolhaltige Abstraktion in der Malerei verfolgten. Material- und Farbexperimente sowie ein Interesse für Rätselhaftigkeit, Archetypen, Natursymbole und Alchemie sind gemeinsame Themen. Neben weiteren italienischen Künstlern wie Arcangelo (*1956), Gianriccardo Piccoli (*1942), Giulio Paolini (*1940) und Mimmo Palladino (*1948), u.a. Vertreter der Arte Povera oder der Transavanguardia, Italiens Neuen Wilden, finden sich in der Sammlung auch Werke von Pierre Soulages (*1919), einem Vertreter des französischen Abstrakten Expressionismus.
In der Sammlung ist ein starkes Interesse für die expressive Abstraktion, geheimnisvolle und mysteriöse Inhalte, sowie metaphysische Transparenz spürbar. Letzteres zeigt sich auch im Interesse für Malerei und Kunsthandwerk aus Asien, Lateinamerika und Afrika, die ebenfalls in der Sammlung vertreten sind. Eine weitere Gruppe von Werken in der Ausstellung zeigt auch einen Teil der Geschichte des Gartenflügels, Galerie und kulturelles Forum in Ziegelbrücke, der vom Ehepaar Jenny betrieben wird. Auf diesem aber auch anderen Wegen gelangten eine Reihe von Werken von Glarner Kunstschaffenden in die Sammlung, u.a. von Ulrich Bruppacher, Greta Leuzinger und anderen. Das Ehepaar Jenny präsentiert seine Sammlung, die von sehr persönlichen Entscheidungen geprägt ist und keiner Systematik folgt, für einmal nicht nur in den eigenen vier Wänden, sondern einer breiten Öffentlichkeit in einem musealen Kontext. Im Dialog mit der Sammlung des Glarner Kunstvereins entstehen neue Nachbarschaften und Zusammenhänge. Einzelne Werkgruppen ergänzen sich oder eröffnen einen frischen Blick auf beide Sammlungen, was auch zu interessanten Fragen nach den Differenzen zwischen öffentlichem und privatem Sammeln und nach verschiedenen Logiken des Sammelns überhaupt führen kann.



