Düsseldorf - 21 May 2010 - 10 July 2010
Abigail O'Brien - Temperance
Die süssen Offenbarungen der Abigail O'Brien
Die bemerkenswerte Photo-Serie, die Abigail O'Brien in der Oatfield Sweet Factory von Letterkenny in der Grafschaft Donegal geschaffen hat, lässt sich auf mehreren Ebenen interpretieren. Die prosaischste Lesart richtet sich auf den dokumentarischen Charakter dieses Werks, das von den Geräten, Materialien und Arbeitsgängen bei der Herstellung traditioneller Süssigkeiten kündet, zugleich aber auch die Männer und Frauen zeigt, die mit der Alchemie der Süsswaren-Produktion beschäftigt sind. Mischen und Kneten, Giessen und Formen, Pressen und Rühren, Schneiden und Rollen verbinden sich zu einer Art Süsswaren-Choreographie. Selbst Aussenstehende spüren die Konzentration, aber auch die ruhige Gelassenheit, mit der die einzelnen Gesten ausgeführt werden. Aber wir sehen nicht nur die Arbeiter bei der Routine ihrer Tätigkeiten. Wir sehen sie auch in ihren Pausen, wie beispielsweise in 'Breaktime' [Pause] oder in 'Time Out' [Auszeit]. Da wird eine fundamentale Vereinzelung und Ermattung spürbar, die den Betrachter in die Rolle eines Voyeurs bringt. Die Männer und Frauen, die hier abgebildet sind, könnten auch Schauspieler sein, die von der Kamera nach einem Auftritt hinter der Bühne mit gefallenen Masken erwischt werden.
O'Brien fasst diese Sequenz unter dem Titel 'Temperance' [Mässigung] zusammen und verweist damit auf das Streben nach Harmonie und Balance, auf die Suche nach einer Mitte. Für Aristoteles war Mässigung der Scheitelpunkt zwischen zwei Abgründen - den Abgründen von Masslosigkeit und Gefühllosigkeit. Die Künstlerin untersucht diese Extreme in den Ritualen und Abläufen des Fabrikalltags und erinnert uns als Betrachter zugleich daran, dass unser Hunger manchmal grösser ist als unser Magen. Ein Zustand massvoller Ausgewogenheit ist daher vielleicht erst möglich, wenn man ins Extrem gegangen ist ('Good Girl 1' und 'Good Girl 2') [Gutes Mädchen 1/2] oder sich dem Exzess hingegeben hat ('Fools Gold') [Narrengold]. Aus diesem Grund oszilliert O'Briens Werk zwischen den Extremen von Bewegung und Ruhe, von Luxus und Leere. Symbolisch schlägt sich dies nieder zum Beispiel in den delikat-barocken Falten einer Zuckermasse, die sich in flache Förmchen ergiesst.
In ihrer Bewerbung zur Photographin in Residence in der Oatfield Sweet Factory brachte Abigail O'Brien ihre Hoffnung zum Ausdruck, eine Arbeit von einer Bedeutung zu schaffen, "die über die Fabriktore hinausreicht." Diese grössere Bedeutung umfasst soziopsychologische und ästhetische Aspekte. Die 70 Arbeiter von Oatfield bilden eine Gemeinschaft, die sich über fast ein Jahrhundert in relativer Isolation entwickelt hat. Nur durch Interaktion und Kooperation können sie ihre Ziele erreichen, wenngleich jeder Einzelne sich voll auf seine individuelle Aufgabe konzentrieren muss, wie in 'Undertaking' [Unternehmen] oder 'Flay' [Häuten] zu sehen ist. In solch alltäglichen Gesten sieht O'Brien etwas Rituelles, ja Ursprüngliches.
Nach dem Werkzyklus 'The Seven Sacraments' [Die sieben Sakramente], der 2004 in München und 2005 in Dublin zu sehen war und ihr die erste internationale Aufmerksamkeit eintrug, beschäftigt sich die Künstlerin jetzt in einer neuen Werkserie mit den "Natürlichen Tugenden" ['The Natural Virtues'], und 'Temperance' bildet in diesem Zusammenhang ein neues Kapitel. Doch beide Zyklen arbeiten mit ähnlichen Techniken und Metaphern, so dass man O'Briens gesamtes Oeuvre bis heute als gigantisches Work in Progress lesen kann, mit dem die Riten und Dogmen des Alltags erforscht werden sollen
Zu 'Temperance' gehören 26 grosse Lambdachrome-Prints sowie Abgüsse von menschlichen Organen in Bonbonmasse, präsentiert auf Industrie-Rollwagen. Ein Begleit-Video mit dem Titel 'Good Housekeeping' [Gute Haushaltsführung] rundet das Ensemble ab: Es zeigt eine Frau, die die Fabrik-Maschinen am Ende der Woche reinigt - die rituelle Waschung nach dem Exzess, das Bindeglied zwischen Arbeit und Freizeit. Dieser multimediale, installative Aspekt in O'Briens Werk unterscheidet sie von den "Stars" der internationalen Photo-Szene, wo es um eine vollkommen reduzierte, nüchterne und manchmal auch ernüchternde Präsentation überdimensionierter Bilder geht.
So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass die Produkte der Oatfield Confectionary Factory, wie sie früher hiess, nicht nur als photographische Themen dienten, sondern auch als Material für die Skulpturen der Künstlerin. Diese glitzernden "Körperteile", die von medizinischen Modellen menschlicher Organe abgegossen wurden, könnten auch aus den Glaswerkstätten von Murano stammen, sind aber tatsächlich aus dem flüssigen Zuckersirup gegossen, den man für Bonbons verwendet.
Man spürt sofort, was sie an diesem Projekt angezogen hat. Wie so oft in ihrer Arbeit zeigt sie die rhythmische, fast rituelle Arbeit der menschlichen Hände, und wieder einmal geht es um die Thematik des Nährens. (Als erster Geschmackssinn entwickelt sich beim Baby der Geschmack für Süsses, weil sich darin vor allem die lebenswichtigen Kohlehydrate verbergen.) Die ästhetische Dimension ist oft von verblüffender Intensität: die üppigen Schichten abkühlender Karamell-Masse, die wie ein Faltenwurf aus der Renaissance wirken, die schillernden, Taft-ähnlichen Schattierungen von Gelb und Rosa, Orange und Türkis, die schimmernden Kandis-Berge, die glänzend-schwarzen Lakritz-Klumpen, und das Messer, das in ein rotes "Herz" gerammt wird. Dazu die "Patina" der geheimnisvollen Maschinen und die Figuren, die am Putztag in Dampfwolken verschwinden wie Hephaistos' getreue Helfer in der Glut. Sie sind die Protagonisten in dem Begleit-Video 'Good Housekeeping' [Gute Haushaltsführung], einer Endlosschleife mit Texten aus den in Oatfield geltenden "Health and Safety Regulations" [Sicherheitsregeln].
Surreale Momente entstehen zudem durch die merkwürdige Schutzkleidung, die auch aus einem Forschungslabor, einer Intensivstation oder einer Konservenfabrik stammen könnte. Alle Arbeiter tragen Haarnetze und Handschuhe, Sicherheitsschuhe, Ohrstöpsel und Schutzbrillen, ja in manchen Fällen sogar "Bartnetze". Die surreale Atmosphäre wird noch erhöht durch Leuchtzeichen, die plötzlich im Hintergrund aufscheinen: "Fire Exit", "DANGER!" oder "MOVING PARTS" [Notausgang, Gefahr!, MASCHINENTEILE IN BEWEGUNG]. Sie wirken wie Slogans aus einem Industriezeitalter, als "neumodische" Maschinen die Arbeit zugleich erleichterten und gefährlicher machten. Und sie erinnern an eine Zeit, in der Familienbetriebe wie Oatfield für die Arbeiter eine richtige Familie waren. All diese Interpretationsebenen, die hier mitschwingen, machen den Reichtum jener Welt aus, die Abigail O'Brien in diesem Werk beschwört - eine Welt, in der Pragmatismus und Sinnlichkeit in einem quicklebendigen Spiel aus Farben und Strukturen miteinander verwoben sind. Die sinnlich-fleischigen Falten in 'Wrinkle 1' [Falte 1], in 'Saponaceous' [Seifig] und 'Adipose' [Feist] existieren darüberhinaus nur für einen kurzen Augenblick, bevor das gegossene Material in sich zusammenfällt. Dieser flüchtige Moment verwandelt sich in den malerischen Photographien der Abigail O'Brien in einen delikaten "Augenschmaus".
David Galloway
Abigail O'Brien (*1957) lebt und arbeitet in Dublin. Die Galerie Bugdahn und Kaimer zeigt mit 'Temperance' zum sechsten Mal die Werke von Abigail O'Brien in einer Einzelausstellung. Arbeiten der Künstlerin befinden sich in zahlreichen internationalen privaten und öffentlichen Sammlungen.



