Solothurn - 6 March 2010 - 9 May 2010

Von der Entdeckung der Langsamkeit - Aspekte der zeitgenössischen Sammlung des Kunstmuseums Solothurn

Silvie Defraoui: Bruits de surface, 1995
Silvie Defraoui: Bruits de surface, 1995

Video-Installation
Foto: Claudia Leuenberger

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Mit Bezug zur Ausstellung von Luzia Hürzeler, deren Videoarbeiten oft langsame Prozesse zeigen, wird die zeitgenössische Sammlung des Kunstmuseums Solothurn unter dem Fokus der Langsamkeit beleuchtet. Der Ausstellungstitel verdankt sich dem Buch "Die Entdeckung der Langsamkeit" (1983) von Sten Nadolny, das lange vor der vielzitierten "Entschleunigung" einen Gegenwert zur Dominanz des Schnellen postulierte. Auch in der Gegenwartskunst häufen sich Werke, die langsame Prozesse reflektieren. Langsamkeit wird in zeitlichen Abläufen und Veränderungen erfahrbar. Dabei wird die Zeit selbst zum Thema, ihr Fliessen und Vergehen, ihr Fort-Dauern. Die Dauer spielt für Werke der bildenden Kunst eine besondere Rolle, werden sie doch vorerst simultan und nicht sukzessiv (wie Theater, Film oder Musik) wahrgenommen. Im anhaltenden physischen Wirken eines Kunstwerkes kann die Dauer jedoch als steter Prozess wahrgenommen werden, auch wenn - mit Ausnahme des Videofilms - in der Bildenden Kunst, vordergründig gesehen, nichts "läuft". Es sind denn auch nicht nur Videofilme, in denen Langsamkeit erlebbar wird; das Thema findet sich ebenso in andern Medien, in Malerei, Zeichnung und Skulptur. Häufig kann über den sichtbar belassenen, langwierigen Entstehungsprozess der Werke Langsamkeit entdeckt und schrittweise nachvollzogen werden. Vom "Lesen" oftmals dichter Strukturen gelangt der Betrachter schrittweise zu einem reinen Schauen.

Ein Parade-Beispiel der Langsamkeit stellt in der Solothurner Sammlung die unmerklich bewegte Skulptur "Verdunsten" (1979/2003) von Roman Signer dar: Der Prozess des Verdunstens setzt einen mit Wasser gefüllten Behälter auf einer Sandbahn in Gang. Mit der kontinuierlichen Gewichtsabnahme des Behälters wird dieser an seinem Gummiband vorwärtsgezogen, sodass sich auf der Sandbahn eine (Zeit- oder Lebens-) Spur abzeichnet. Signers ungemein langsame Arbeit (die dialektisch zur dynamischen Sprengkraft seiner bekannten Werke steht) ist eine schlagende Existenz-Metapher.

Bei mehreren langsamen Werken handelt es sich um Sammlungen, die über einen langen Zeitraum angelegt wurden. Hierzu gehört etwa die 150-teilige Enzyklopädie "Die Stadt" (2004-2007), eine riesige Foto-Arbeit, für die Daniela Keiser die Kulissenstädte der europäischen Filmindustrie besucht hat. Aufgrund der Massierung verschiedener Motive verlieren wir bald den Überblick, doch verdichten sich die Aufnahmen sukzessive zum allgemeinen Bild einer menschenleeren Bühne, die wir jederzeit betreten und wieder verlassen können. Eine vergleichbare Vorstellung von Bewegung stellt sich beim 100-teiligen Werk "MATRIX" (1998) ein, mit dem Barbara Meyer Cesta eine Typologie von Einfamilienhäusern schafft, wie sie uns bei einer Fahrt durchs Schweizer Mittelland begegnen könnten.

Ingo Giezendanner (GRRRR): Gooman, Défense, Karachi, 2004
Ingo Giezendanner (GRRRR): Gooman, Défense, Karachi, 2004

Filzstift, Tipp-Ex auf Papier, 21 x 29,7 cm
© Pro Litteris, Zürich

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Neben den schematisch-modellhaften Zeichnungen von Barbara Meyer Cesta wirken die Blätter von Ingo Giezendanner und Christian Denzler viel kleinteiliger. Ihre langsame Wirkung verdanken sie dem langwierigen Entstehungsprozess. Nicht nur die Zeichner, sondern auch die Betrachter verlieren sich in den dichten Strukturen von Landschaften oder Körpern. Wird bei Denzler die Langsamkeit zum Ausdruck hingebungsvoller Zärtlichkeit und Sehnsucht, erleben wir bei Giezendanner die Leidenschaft eines Comic-Zeichners, der sich beim Zeichnen vergisst.

Auch bei den vielteilig vibrierenden Bildern von Jean Pfaff und Susan Hodel führt der langsame und differenzierte Schaffensprozess zu einer lang anhaltenden Wirkung. Ein fast meditatives Schauen können aber auch Werke motivieren, die von minimaler Schlichtheit sind. Hierzu gehören die leuchtenden, in vielen Lasuren aufgebauten Bilder von Anje Hutter oder der radikal anmutende "weisse Balken" (1990) von Adrian Schiess.

Mit den beiden Video-Arbeiten von Silvie Defraoui (Bruits de surface, 1995) und Shahryar Nashat (Les négateurs, 2004) kann die Accrochage eine mediale Ergänzung zu Luzia Hürzelers Video-Installationen bilden. In beiden Werken ist die rituell anmutende Wiederholung prägend. Während Silvie Defraoui Gläser immer neu mit Milch füllt, um diese als Projektionsfläche für ihre Erinnerungsbilder an ihren kurz zuvor verstorbenen Lebenspartner zu verwenden, spricht Nashats Mann am Meer willig Gebete aus dem Koran nach, bis er den Einflüsterungen des Vorbeters nicht mehr folgen mag. In beiden Werken werden langsame Prozesse verbildlicht: Hier das Abfallen von einem unreflektierten, religiösen Gehorsam, dort die mit Sehnsucht, Wut und Verzweiflung verbundene, kontinuierliche Trauer-Arbeit.

Kunstmuseum Solothurn

Graphisches Kabinett
Werkhofstrasse 30
4500 Solothurn
Phone: 
+41 32 624 40 00
Fax: 
+41 32 622 50 01
Exhibition
6 March 2010 - 9 May 2010
Online since 1 March 2010
Opening Hours: 
Di-Fr 11 - 17 Uhr, Sa/So 10 - 17 Uhr, Montag geschlossen