Küsnacht - 5 February 2010 - 16 April 2010
Kerim Seiler - Maintenant
Grieder Contemporary freut sich, für die Ausstellung "Maintenant" in den Räumen und im Garten der Galerie neue Arbeiten des Schweizer Künstlers Kerim Seiler zu zeigen. Hinter den sehr formal anmutenden Werken Seilers verbergen sich nicht selten sehr präzise und mit überraschender Leichtigkeit in Schwingung versetzte kunsthistorische Themenkomplexe.
Der Neonschriftzug "Maintenant" fordert mit der Bedeutung "Jetzt" zu Gegenwärtigkeit auf. Er verweist auch auf die Kunstgeschichte und zitiert die gleichnamige Zeitschrift, welche Arthur Cravan von 1912 bis 1915 in Paris publizierte. Dieses Zitat eröffnet ein Themenfeld, mit dem sich Seiler seit längerem befasst und das eigenartig quer zu seiner sehr konkreten Formsprache steht. Cravan, der Neffe von Oscar Wilde, war als Boxer und Poet ein Vorläufer der Dadaisten, Lettristen und Situationisten. Der Rumäne Isidor Isou, der am 31. Januar seinen 105ten Geburtstag gefeiert hätte, gründete 1945 den Lettrismus, in welchem sich mystische, ludische und dekompositorische Elemente vereinten, die in Seilers Werk "Maintenant" erfahrbar sind. Das Wort wird gedehnt und gestreckt, um das Jetzt so lange wie möglich zu machen. "Wenn eine Schwingung sieben Ellen lang ist, dann will ich füglich Worte dazu, die sieben Ellen lang sind" (Hugo Ball, 1916). Ganz im Sinne konkreter und visueller Poesie, oder wie es im rumänischen heissen würde: Pictopoezie.
Das Fragment des Pavillons "Babel (Situationist Space Program)" im Garten nimmt Bezug auf die von Guy Debord 1957 gegründete Situationistische Internationale, welche aus dem Kreise der Lettristen hervorging. Der Name dieser Arbeit rührt daher, dass das Holz von der Installation "Minotic Neocolor Mindspace (Secondary African Colour Circle)" stammt, welche für eine Ausstellung über die Situationistische Internationale 2007 im Museum Tinguely in Basel gebaut wurde. Neben dieser materiellen Dimension gibt es auch eine, die sich mehr auf die Form bezieht. Der Pavillon ist ein kleines Spiegelkabinett, das neue Räume eröffnet, wenn man will sogar ein Feld von Heterotopien erzeugt. Das Situationistische Raumprogramm baut das situationistische "Dérive" räumlich und macht es dadurch erfahrbar, ohne dass man völlig betrunken mit einer Berliner Stadtkarte durch Paris irren muss.
Nachdem Kerim Seiler mit "Pneuma, somnambul" 2008 das Dach von Grieder Contemporary in der Ausstellung "Sculpture Trail" als Gast bespielt hat, kehrt er nun als Künstler der Galerie zurück. Er präsentiert erstmals neben den oben erwähnten neuen Installationen auch neue Grafikarbeiten aus der hauseigenen Druckmaschine und ein digitales Bildarchiv mit mehreren Tausend Bildern als Retrospektive seiner künstlerischen Tätigkeit in einer Einzelausstellung.
Kerim Seiler (*1974 in Bern) lebt und arbeitet in Zürich. Noch bis Ende Februar 2010 ist seine Arbeit "Pneuma, somnambul" in der Villa du Parc in Annemasse (FR) zu sehen. Von Anfang März bis Anfang April diesen Jahres ist eine Aktion in Zusammenarbeit mit verschiedenen Kulturinstitutionen in Südafrika geplant. Im September 2010 wird die Einzelausstellung "The Situationist Space Program" in der Adreiana Mihail Gallery in Bukarest eröffnet.
Text: Adrian Notz, Co-Direktor Cabaret Voltaire, Zürich



